Aus dem Vorwort:
Einer der deutschen Kernlandschaften ist dieser Band gewidmet, und seine Zielsetzung ist klar umrissen: die Atmosphäre der Vergangenheit, vorwiegend des 19. Jahrhunderts, soll wieder lebendig werden. Da den bisherigen Bändern dieser Reihe jeweils vielfach bestätigt wurde, daß dies vorzüglich gelungen sei, so hoffen wir, daß das bewährte Konzept auch für Westfalen zum Erfolg führt.
„Westfalen“ wird dabei, der an den heutigen deutschen Bundesländern ausgerichteten Einteilung der Serie gemäß, verstanden als der heutige Landesteil Westfalen des Landes Nordrhein-Westfalen, also die Regierungsbezirke Münster, Arnsberg und Detmold. Dies schließt somit das bis Januar 1947 noch selbständige Land Lippe ein, bedeutet jedoch zugleich eine erhebliche Beschränkung gegenüber dem Kulturraum Westfalen.
Die Anordnung der Beiträge – kleine Erzählungen, Schilderungen von Sitten und Bräuchen, Chronikauszüge, Berichte von Alltag und Festen, aus der Bauern- und der frühen Industriewelt, aber auch Lieder, Gedichte und Rezepte – erfolgt in Form einer Reise, die vom Zentrum Münster ausgehend, durchs Ruhrgebiet in und durch das Sauerland, dann wieder nach Norden über Soest, Hamm, Paderborn nach Detmold, Lemgo und Minden und schließlich über Bielefeld und Rheine zurück ins Münsterland führt. Die bisherige Anerkennung für jeweils sehr ausgewogene Berücksichtigung der einzelnen Städte und Landschaften war uns (wenn es auch ganz unvermeidlich ist, daß vielleicht doch der eine oder andere Leser sich gerade für seine engere Heimat eine noch stärkere Vertretung gewünscht hätte) auch bei diesem Band wieder ein Ansporn.
Freilich zeigt sich hier deutlich, daß die Schwergewichte sich verschoben haben und so manche Ruhrgebiets-Großstadt harte Nüsse bei der Beschaffung von literarischen Belegen aufgab für jene Epoche, die unser Buch nun einmal im wesentlichen darstellt. Hier muß manchmal der Teil fürs Ganze stehen, genauer: der eine oder andere eingemeindete Ort für die heutige Großstadt, in der er aufging.
Auch wird es natürlich nicht ganz zu vermeiden sein, daß manch ein Leser noch diesen oder jenen Autor vermißt; unterschiedliche und subjektive Wertungen sind ja doch nie ganz auszuschließen. Vor allem aber mußten eben immer wieder einmal aus Platzgründen oder um Übergewichte zu verhindern Entscheidungen gegen die Aufnahme bestimmter Beiträge getroffen werden, ohne daß dies eigentlich ein Urteil über deren Bedeutung oder Wert gewesen wäre. So will ja auch dieser Band (wenn auch, um die weiter anhaltende geistige Fruchtbarkeit dieses Landes aufzuzeigen, der eine oder andere zeitgenössische Autor aufgenommen wurde) nicht in erster Linie literarische Blütenlese sein, sondern unterhaltsam und doch informativ möglichst viele unterschiedliche Aspekte des Lebens früherer Zeit deutlich und anschaulich machen.
In vernünftigem Maße wurden die Texte heutigem Sprachgebrauch angepaßt; gelegentlich blieben ältere Wendungen erhalten, um eine für den Autor oder seine Zeit typische Ausdrucksweise zu bewahren, wobei wir dann heute nicht mehr geläufige Wendungen, Fremd- oder Fachwörter in Anmerkungen erläuterten. Bei den Mundarttexten ist – weil hier oft auf engstem Raum schon erhebliche Abweichungen bestehen, weil der eine Verfasser einen bestimmten Laut so, ein anderer den gleichen wieder anders schreibt, und weil schließlich die Mundart im allgemeinen einem eher noch stärkeren und rascheren Wandel unterworfen ist als die Schriftsprache – in besonderem Maße hervorzuheben, daß sie aus älteren Quellen stammen und daß wir auch hinsichtlich der Worterklärungen auf diese verweisen müssen.
Was die Illustrationen betrifft, die wir aus vielen alten Werken mühsam zusammengetragen haben, schien es uns richtig, gelegentliche Bedenken wegen der Wiedergabequalität – wir haben hier schließlich keinen Kunstdruckband vor uns – zugunsten von Anschaulichkeit und Information zurückzustellen.
Jenen Lesern, die vielleicht vergeblich nach einem Inhaltsverzeichnis suchen, dürfen wir sagen, daß uns bei der Vielzahl und Unterschiedlichkeit der Beiträge eine endlose seitenweise Aufzählung einfach nicht sinnvoll schien. Dafür finden sich jeweils am Ende der nützlichen Stichworte zu den Autoren (vor dem beschließenden Ortsregister) Verweise auf die Seiten, auf denen Texte aus ihrer Feder beginnen, und anschließend auch die entsprechenden Seitenzahlen für Sagen, Rezepte, Lieder usw. Vor den Dichterstichworten haben wir ein Quellenverzeichnis eingerückt, und noch davor den historischen Überblick, der viel an ergänzender Information bringt.
Im Register auf den letzten Seiten des Bandes sind alle behandelten und erwähnten Orte mit den betreffenden Seitenzahlen aufgeführt, wobei es sich oft auch um heute eingemeindete Stadtteile handelt, die also unter diesem Namen zu suchen wären.